sich bilden und wachsen

Ich stehe da, meine Abizeugnis in der Hand, um mich herum ziemlich schick gekleidete Menschen. Eigentlich will ich gar nicht hier sein, ich sehe keinen Sinn in diesem Theater, ich will eigentlich nur auf die Straße, meinen Daumen raushalten. Mich vom Leben dahin treiben lassen, Herausforderungen bewältigen, Dinge lernen, Geschichten hören von Menschen, die ganz anders leben, als ich es bisher getan habe.

Ein paar Tage später stehe ich dann wirklich mit einem großen blauen Rucksack auf dem Rücken auf der Straße. Ein halbes Jahr waren wir zusammen unterwegs, sind durch verschiedenste Projekte getingelt, standen Nachts allein und verlassen im Nirgendwo in Island, haben viele Geschichten gehört von anderen Leben und unsere Vorstellung davon, wie Leben sein kann wurde immer weiter.

Viele, die dort mit dem Zeugnis in der Hand in pastellfarbenen Kleidern standen, sind erst mal auf Reisen gegangen. Für die meisten allerdings bedeutete dies „ein Jahr Pause machen“. Pause machen von was?

Nach der Schule, die von vielen so kritisiert wird geht es für die meisten auf den gleichen Lernautobahnen weiter. Du bist nicht du, du bist eine Immatrikulationsnummer, dir wird Wissen verabreicht, das du dann in Prüfungen und Hausarbeiten wieder auskotzen darfst, die dann bewertet werden. Die meisten Menschen fragen, gefolgt auf die Frage: „Was machst du so?“ (Womit die Ausbildung für die Lohnarbeit oder diese selbst gemeint ist) „Und wie lange musst du noch?“ Das fängt schon im Kindergarten an, bis man dann endlich in die Grundschule kommt, dann endlich auf die höhere Schule (wo dann aber wirklich der Ernst des Lebens beginnt) und dann hat man es endlich geschafft und musst nur noch darauf warten endlich fertig mit dem Studium zu sein um dann endlich arbeiten zu gehen. Und dann warten wir bis wir endlich in Rente gehen, damit wir endlich mit dem Wohnmobil durch Norwegen fahren können und leben dürfen. So lange kann ich aber damit nicht warten.

Ich will jetzt schon leben. Auch ohne Ausbildung kann ich das schon ganz gut. Zum Leben gehört es auch sich immer weiter zu bilden ohne je ausgebildet zu sein und immer weiter zu wachsen ohne je erwachsen zu sein. Leben ist ein ziemlich aufregender Prozess, der nie endet.

Nach der Schule braucht ich erst mal ein paar Monate um überhaupt wieder meine Begeisterungskraft zu entdecken. Ich hatte, obwohl ich viele hunderte Kilometer von meiner Schule, noch oft die Stimmern meiner Lehrer*innen im Kopf, die mein Verhalten lobten oder kritisierten. Und auch während ich Dinge tat, tat ich sie so, wie ich dachte, dass irgendwelche herrschenden Instanzen, die ungreifbar über mir wabernd schwebten, sie gutheißen würden. Die Glückshormone die früher regelmäßig in meinem Hirn ausgeschüttet wurden, wenn ich gelobt wurde, blieben aus. Ich wurde nicht mehr gelobt, ich wurde nicht mehr kritisiert. Ich war ganz und gar selbst dafür verantwortlich meinem Handeln Wert beizumessen.

So musste ich meine Begeisterung gießen und pflegen wie eine Pflanze, die erst wieder neu wachsen lernen musste. Dabei war es gar nicht hilfreich, dass ständig neue Ausbildungsangebote auf mich einprasselten, ich war total überfordert, fand alles und nichts interessant.

Über Wasser hat mich, im großen Meer der Möglichkeiten, nur der Glaube gehalten, dass die Wunden der Orientierungslosigkeit, die die Schule bei mir hinterlassen hatte, wieder heilen würden. Die Impulse, welchen Weg ich gehen will, wurden immer mehr. Ich konnte wieder kleine Verbindlichkeiten eingehen, nach einer Zeit, in der alles in Unverbindlichkeit und Unsicherheit getränkt war. Ich begann wieder aktiv Entscheidungen zu treffen mit Bauch und Kopf und Herz. Dazu gehörten auch immer wieder Phasen in denen ich Wochenlang nichts tat als Hörbücher zu hören, zu malen und durch den Wald zu laufen.

Den größten Schatz den ich seitdem wieder zurückerobert habe, ist das Gefühl mein Leben und die Welt selbst gestalten zu können. Etwas, was mich zunächst total überforderte fühlt sich nun wie etwas sehr wertvolles an, über das ich mich jeden Tag freue. Ich kann in der Welt wirken, ich kann für meine Bedürfnisse sorgen, ich kann mir Strukturen um mich schaffen, die mir gut tun, ich kann Beziehungen so gestalten, dass sie mich wachsen lassen. Diesen Schatz möchte ich sehr gerne teilen.

Auf meinem Weg hat mir die Begegnung mit anderen Freilerner*innen total geholfen. Auf der Messe AUSBRUCH! am 15. Dezember in Berlin können sich Menschen treffen, die mit ähnlichen Fragen durch die Welt laufen und sich über die Herausforderungen und Chancen austauschen. Anmelden für kann man sich jetzt unter www.freiebildungsalternativen.de/ausbruch

Luisa Kleine

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