Lernen und Leben jenseits der Schule

Wie fast jeder junge Mensch in Deutschland habe ich unzählige Wochen in der Schule verbracht. Für mich war das eine Selbstverständlichkeit, die Schule gehörte so zu meinem Leben dazu, wie für viele Erwachsene die Lohnarbeit. Ich war siebzehn Jahre alt, als ich anfing diese Selbstverständlichkeit zu hinterfragen. Denn so viel ich auch in der Schule lernte, so waren einige meiner Talente und Fähigkeiten über die Jahre hinweg immer mehr verkümmert. Manchmal kam ich Nachmittags von der Schule nach Hause und wusste nicht mehr, wie ich mich selbst beschäftigen konnte, weil ich den vorgegebenen Rhythmus und das Befolgen der Regeln Anderer so gewohnt war. Dabei hatte ich eigentlich den Wunsch, etwas in der Welt zu verändern.

Viele Erwachsene sagten mir damals, es würde nach der Schule so weitergehen, die Uni und später die Arbeit würden mir ähnlich viel Aufmerksamkeit abverlangen, ich solle mich einfach daran gewöhnen. Für mich klang das plausibel – und ich entschied mich einen anderen Weg einzuschlagen und stattdessen, meiner Neugier und meinem Wunsch Wirksam zu sein zu folgen. Ein Jahr vor meinem Abitur brach ich die Schule ab.

Auf einem toten Planeten gibt es keine Arbeitsplätze

In dieser Leistungsgesellschaft wird jede Person für ihren Erfolg oder Misserfolg verantwortlich gemacht. Das löst bei vielen jungen Menschen enormen Druck aus, sich für „das Richtige“ zu entscheiden und dann auch am Ball zu bleiben. Die Zahl der Studierenden, die Nervenarznei benutzen, stieg bei TK-versicherten in nur vier Jahren um 54 Prozent. Immer mehr junge Menschen sind mit der Anzahl an Berufsmöglichkeiten überfordert – mehr als 42 Prozent, wie eine Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) herausfand. All die Orienierungslosigkeit gepaart mit dem Stress, schnell jemand werden zu müssen, lässt viele junge Menschen vergessen, wie viel Verantwortung sie tragen. Der Planet ihrer Zukunft wird immer mehr zerstört und es braucht viele, aktive und glückliche Menschen, um das zu verhindern und neue Selbstverständlichkeiten zu schaffen. Mich macht es traurig, in Gesprächen mit meinen alten Schulfreundinnen zu merken, dass bei den meisten dieser Aspekt in ihrem Praktikums- Uni- oder Arbeitsalltag gar nicht erst vorkommt.

Mittlerweile sind einige Jahre nach meinem Schulabbruch vergangen und ich habe meine Entscheidung nie bereut. Manchmal hatte ich Angst, Chancen vertan zu haben, die mir eine gute Karriere ermöglicht hätten. Doch dann habe ich mich immer daran erinnert, dass die Welt aktuell mehr braucht, als Menschen, die tagtäglich sinnlose Dinge tun oder nur darauf aus sind, sich selbst zu verwirklichen. Ich denke sogar, dass es mich kreativer und aktiver gemacht hat, nicht einfach studieren gehen zu können um irgendetwas zu tun zu haben. Dadurch habe ich viele Initiativen kennengelernt und mit initiiert, die sich mit dem Thema Schule und Jungsein beschäftigen, und damit, wie wir gemeinsam Aktiv werden können. So zum Beispiel den Verband für freie Bildungsalternativen jenseits Schule, der viele Projekte miteinander vernetzt und sichtbar und damit zugänglicher macht, die das Lernen und Leben wieder selbst in die Hand nehmen wollen.

Lernen fürs Wirken und im Wirken lernen

Lernen und Wirken scheinen im gesellschaftlichen Bildungsverständnis nicht zusammen zu gehören. Wer zur Schule geht, kann noch nichts zur Gesellschaft beitragen und wer Arbeiten geht, hat keine Zeit mehr sich weiterzubilden. Doch wie kann das anders werden?

Im Februar diesen Jahres kamen viele Initiativen wie die Reiseuni, die Akademie für angewandtes gutes Leben und das Naiv-Kollekin zusammen, um genau darüber diskutieren. Für mich war es wunderbar zu sehen, wie schnell wir uns einig wurden, was die Welt gerade braucht: Die Welt braucht Menschen, die wieder selbstbestimmt Tätig sein können, weil sich ihre Neugier und ihr Tatendrang entfalten durften. Sie braucht eine andere Beziehungs- und Konfliktkultur, in der wir experimentieren, spielen und auch mal Fehler machen dürfen. Und sie braucht das Bewusstsein, dass wir als Länder des globalen Nordens viel Verantwortung übernehmen müssen, bis es das gute Leben für alle geben kann.
Schnell entwickelte sich die Vision des Verbands für freie Bildungsalternativen jenseits Schule, mit dem wir nun Beratung für junge Menschen anbieten und ihnen Initiativen vorstellen wollen, in denen sie sowohl das lernen können, was sie wollen, als auch schon aktiv und wirksam sein können. Damit können sich Lernen und Wirken wieder zu einem bunten Lebensweg voller Neugier und Kreativität verweben.

Ausbruch! – Eine Messe für Alternative Lernwege jenseits Schule

Es gibt viele Menschen wie mich, die irgendwann aus der Gewohnheit ausgebrochen sind. Viele Menschen fühlen sich jedoch am Anfang einsam oder brechen erst gar nicht aus, weil sie Angst haben, die Einzigen zu sein. Für mich ist deshalb klar: Wir müssen Strukturen schaffen, in denen wir uns verbinden und vernetzen können! Als erster Schritt in diese Richtung planen wir im Dezember unsere erste alternative Bildungsmesse. Dort sollen sich verschiedenste Akteure vorstellen und kennen lernen können, damit wir wieder gemeinsam Leben und lernen können.

2 Antworten auf „Lernen und Leben jenseits der Schule“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.